Figurenbeschreibung - per Spiegelszene? Eine alte schwarze Schreibmaschine steht neben einem altmodischen Spiegel mit dickem Goldrand vor einer hellen Wand. Photo by Laura Chouette via Unsplash.

Figurenbeschreibung – per Spiegelszene?

Irgendwann kommt der Tag, da muss die Figur beschrieben werden. Und da es deine Heldin ist, hast du dir natürlich auch genau überlegt, wie sie aussieht. Das soll dein Publikum schließlich auch wissen, darum muss eine besonders gründliche Beschreibung her.

Also ab vor den Spiegel mit deiner Heldin!

Selbstkritisch betrachtete sie sich im Spiegel. Sie fand sich mit ihren 173,98 Zentimeter etwas zu groß und konnte die Locken ihres glänzenden sonnenuntergangsroten Haares nicht ausstehen. Dafür mochte sie das sanfte Haselnussbraun ihrer Augen, doch die neckischen Sprenkel in den Iriden und den Schwung ihrer kleinen Stubsnase fand sie schrecklich. Ihre Gucci-Lederhose schien sich an ihre Hüften zu schmiegen und das schwarze T-Shirt umschmeichelte die apfelgroßen Brüste.

Klingt scheußlich? Ja, finde ich auch.
Dieses Beispiel habe ich mir ausgedacht (bis auf Iriden, das ist eine Pluralform von Iris) und außerdem dabei noch ein bisschen übertrieben.

Aber so eine Art Szene ist dir bestimmt schon mal begegnet, die sind echt weit verbreitet. Vielleicht nicht ganz so schlecht wie das Beispiel hier, vielleicht auch noch deutlich ausführlicher. Vielleicht hast du sie sogar schon mal geschrieben. Falls dir das jetzt peinlich ist, muss es nicht, ich habe auch schon solche Spiegelszenen geschrieben.

Spiegelszene? Nein danke!

Was ich mit Spiegelszene meine? Ganz einfach, die Hauptfigur steht wie in meinem ausgedachten Beispiel vor dem Spiegel und betrachtet sich selbst. Diese Szene hat normalerweise keine andere Funktion als den Lesenden zu erklären, wie die Figur aussieht.
Ganz schön praktisch könnte man meinen. Trotzdem haben Spiegelszenen einen ziemlich schlechten Ruf und das völlig mit recht. Da hat mehrere Gründe:

1) Es ist ziemlich faul, so eine Beschreibung zu verfassen. Es wirkt schnell so, als hätte sich der Autor keine Gedanken gemacht, wie sich das Äußere der Hauptfigur gut im Text erklären lässt.

2) Oft ist die Beschreibung der Figur auch ziemlich merkwürdig, wenn auf Details wie die exakte Größe geachtet wird. Heldinnen werden dabei oft sexualisiert, wenn sich ihre Kleidung an sie anschmiegt und sehr ausführlich auf die Brüste eingegangen wird. Oft ist die Heldin auch sehr hübsch, weiß es aber nicht. Wenn sie es wüsste, wäre sie dann nicht mehr hübsch oder was?

3) Ganz ehrlich, wer steht vor dem Spiegel und denkt so über sich selbst nach? Also ich nicht. Du? Nein? Warum sollte das dann deine Hauptfigur tun?

4) Gerade in der Fantasy funktionieren Spiegelszenen sowieso nicht immer. Je nach Setting gibt es überhaupt keine Spiegel. Und selbst wenn es Spiegel gibt, muss das noch lange nicht heißen, dass sie groß und klar genug für eine richtige Spiegelszene sind.

Andere Möglichkeiten zur Beschreibung

Aber wie geht es denn nun besser? Muss es überhaupt erwähnt werden, wie die Figur in deinem Buch aussieht? Was darf bei der Beschreibung nicht fehlen und was ist zu viel?

Leider leider lautet die Antwort darauf: kommt drauf an. Auf das Genre, auf die Situation und auf die Wirkung, die du damit erzielen willst. Etwas mehr Arbeit beim Schreiben gehört immer dazu.

 

Die Figurenbeschreibung lässt sich natürlich in den Text mit einbauen. Deine Heldin kann ihr braunes Haar zurückstreichen statt einfach nur ihr Haar. Das kann funktionieren. Aber es kann auch schnell übertrieben wirken. Sei damit also so vorsichtig wie mit Chilipulver. Nur dass du Beschreibungen, anders als Chilipulver, nachher wieder rausnehmen kannst, wenn sie doch zu viel sein sollten.

 

Eine andere Figur könnte deine Hauptfigur betrachten. Klar, das ist einfacher und nicht ganz so absurd wie eine Spiegelszene.
ABER, und das ist ein sehr wichtiges Aber, ist es plausibel, dass die betrachtende Figur deine Heldin so ausführlich anschaut? Kann sie wirklich überlegen, wie weich seine Haare sind, während sie gerade vor einer Horde Monster wegrennen? Kann er ihr mitten im Duell wirklich so genau in die Augen gucken, dass er den Farbkranz und die Sprenkel darin erkennt? Oder eigentlich eher nicht?

Also, ist die Zeit dafür da? Wie groß ist der Abstand zwischen den Figuren? Lässt sich das entsprechende optische Detail auf die Entfernung erkennen?

Wenn du alle diese Fragen geklärt hast, kommt das zweite Aber. Es ist mindestens so wichtig wie das erste Aber: die Beschreibung sagt auch immer etwas über die betrachtende Person aus.

Pass also gut auf, wer hier wen und wie betrachtet! Nicht, dass eine eigentlich total nette Figur plötzlich zum Spanner (beim Umziehen beobachten? Nee!), Stalker (nachts einbrechen und beim Schlafen zusehen? Nein!) oder Rassisten (Nahrungsmittelvergleiche? Nope!) wird.

 

Wie ist das Verhältnis zwischen Umgebung und Aussehen der Figur? Stößt sich dein Held ständig den Kopf, weil er fast zwei Meter groß ist? Schwingt deine Heldin dramatisch ihre Federboa um den Hals? Wird sie für ihre bunten Ringelsocken geärgert oder bewundert?

Die Figur und ihr Aussehen existieren ja nicht im luftleeren Raum und die Interaktion zwischen Umgebung und Figur geben dir tolle Möglichkeiten, sie zu beschreiben.

Was ist wichtig?

Mal ganz ehrlich, muss die Figur überhaupt so detailliert beschrieben werden wie in den meisten Spiegelszenen? Haben diese Details eine Auswirkung darauf, wie deine Heldin wirklich ist? Was für einen Charakter sie hat und ob sie die Welt retten kann? Ist es dafür wichtig, dass sie 1,73 cm groß ist? Dass sie apfelgroße Brüste hat? Ich glaube nicht.

Natürlich ist es auch wichtig, wie eine Figur aussieht, unter anderem weil es sie charakterisieren kann wie besonders aufwändige Schminke, eine Uniform oder ein cooler Umhang.

 

Mein Tipp ist daher, nimm dir eine Handvoll optische Details für deine Hauptfigur und beschreibe diese.

Nicht alle auf einmal und immer extrem kleinteilig, sondern ein paar wichtige Punkte. Also zum Beispiel der übergroße Hut mit weißen Federn, die hellblaue Haut, die dunkelbraunen Augen, die praktische Hose mit vielen Taschen oder die bunten Ringelsocken. Das reicht, um ein Gefühl für die Figur zu bekommen, da müssen keine Apfelbrüste oder Zentimeterangaben her. Denn letztlich geht es ja darum, dass deine Leserschaft ein Gefühl für deine Hauptfigur bekommen soll.

 

Das heißt nicht, dass du nicht jedes Detail über die Figur für dich definieren und aufschreiben kannst. Ganz im Gegenteil, das kann sehr hilfreich sein, um die Figur besser kennenzulernen. Aber verwende diese Informationen nur im Text, wenn sie wirklich eine Bedeutung haben oder es stimmig wirkt, dass dieses oder jenes Detail auffällt.

 

Schreib ruhig erst einmal alles rein, wenn du dir unsicher bist, wie wichtig die Details sind, beim Überarbeiten kannst du es ja nachher rauswerf… ähm anpassen. Aber überleg dir, wofür die Beschreibung da ist, ob sie etwas über die Figuren, die Welt, die Stimmung oder die Handlung aussagt oder nicht. Und bitte bitte lass die Finger von der Spiegelszene.

 

Du findest wirklich keine Alternative zur Spiegelszene? Schreib mir! Als deine Lektorin kann ich dir helfen, deine Hauptfigur vom Spiegel wegzuholen.

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