Was Nebenfiguren so wichtig macht. Drei Alpakas gucken in Richtung Kamera. Zwei von ihnen sind weiß und stehen etwas weiter hinten, das vordere ist hellbraun. Photo by Timothy Eberly via Unsplash.

Was Nebenfiguren so wichtig macht

Was haben Eowyn, Lydia Bennet, Staubfinger, Billy Bones und so ziemlich jede ausgeflippte beste Freundin in einem Liebesroman gemeinsam?
Sie sind eine Nebenfigur (tut mir leid, Staubfinger).

Nebenfiguren treten in der Geschichte auf. Sie erfüllen eine Funktion in der Handlung, können der Heldin helfen, sie ablenken oder behindern, aber es wird nicht ihre Geschichte erzählt.

Klar, sie sind Teil der Geschichte, ohne sie geht es nicht. Manchmal müssen sie sogar kurzzeitig übernehmen, die Heldin retten, den einen Ring tragen oder den Schurken zu noch böseren Taten anstacheln. Aber ihre eigene Geschichte steht nicht im Zentrum. Sie machen im Verlauf des Buches keine Charakterentwicklung durch.
Das unterscheidet sie von der Hauptfigur. Diese muss sich entwickeln, etwas lernen. Die Nebenfigur bleibt gleich, egal in welches Chaos sie gestürzt wird.

 

Ein schönes Beispiel dafür ist Sam aus dem Herrn der Ringe. Er tut wichtige Dinge, wie mehrfach Frodo retten, aber die Charakterentwicklung während der langen Reise und Abenteuer fehlt bei ihm. Er ist am Ende genau wie am Anfang der nette Gärtner aus dem Auenland.

Was hast du gesagt, der eigentliche Held ist doch Frodo? Ja, da hast du vollkommen recht. Trotzdem sollten wir beim Schreiben auch Zeit, Sorgfalt und Liebe in unsere Nebenfiguren stecken, denn auch sie sind wichtig.

Nebenfiguren sind wichtig

Wofür Nebenfiguren in einer Geschichte nun wirklich wichtig sind, kann sehr unterschiedlich sein. Oft ist es auch mehr als eine Sache. Allgemein haben oder können Nebenfiguren immer das, was du brauchst. Entweder, um die Handlung oder die Entwicklung deiner Hauptfigur weiterzubringen. Oder beides.

Einfluss auf die Handlung

Viele Nebenfiguren befeuern die Handlung an sich. Das können sie tun, indem sie deinen Hauptfiguren helfen, Steine in den Weg legen oder sie ablenken. Wie sie das machen, kann natürlich sehr unterschiedlich sein.

Zwischen einem riesigen Schokoladenvorrat und Taschentüchern nachts um halb 3, Kenntnis über die eine Schwäche des schurkischen Palastes oder gewetzten Messern ist hier alles drin. Mürrische Bodyguards, beste Freundinnen oder intrigante Verräter bringen sich eben auf sehr unterschiedliche Weise ein.

Umgang mit der Hauptfigur

Nebenfiguren verraten dem Publikum mehr über deine Hauptfiguren. Sie können über die Hauptfigur sprechen und es quasi direkt erzählen. Oder sie interagieren mit ihr. Sie können mit deiner Heldin reden, tanzen, kämpfen, feiern, Kaffee trinken …
So können die Nebenfiguren auch die menschliche (oder elfische, vampirische, werwölfische …) Seite deiner Hauptfigur zeigen. Vielleicht ist deine Werwolf-Heldin nach außen immer stark und tough, aber unter ihren Rudelfreundinnen traut sie sich auch mal, ihre Zweifel und Ängste anzusprechen. Und wenn sie der dauer-neugierigen alten Dame aus dem Erdgeschoss Hundefutter für den uralten Dackel mitbringt, blitzt ihre freundliche Seite unter dem Pelz hervor – selbstverständlich ganz knurrig.

 

Nebenfiguren bieten auch die Möglichkeit, dass deine Heldin noch besser glänzen kann. Dass das funktioniert, wusste bereits Karl May, der seinem Helden immer einen überaus trotteligen Begleiter an die Seite stellte, um den sowieso extrem fähigen und moralisch guten Helden noch heroischer wirken zu lassen.
Ganz so platt würde ich es nicht empfehlen – außer eventuell in komischen Genres – aber gut dosiert kann es deiner Hauptfigur mehr Glanz verleihen. Deine Heldin muss nicht in allem gut und die Nebenfigur schlecht sein, aber sie könnte zum Beispiel einen fiesen Mitschüler an der Akademie gehabt haben oder sich nicht auf die zwar funktionierenden, aber moralisch fragwürdigen Pläne ihres Verbündeten einlassen.

Pro-Tipp: Die Welt

Eine weitere Möglichkeit verlieren wir gern aus den Augen. Aber du kannst über Nebenfiguren wunderbar Informationen über deine Welt einbauen. Das gilt besonders, wenn du Fantasy oder Science Fiction schreibst!
In deiner Fantasywelt ist es ganz normal, Kinder anderer Spezies zu adoptieren? Dann könnte die Rudelfreundin deiner Werwolf-Heldin elfische Eltern haben und alle finden es normal – zack, gleich hast du jede Menge Beschreibungstext und Erklärung gespart.

Also passend zur Funktion schreiben?

Gerade weil Nebenfiguren so wichtig sind, liegt es nahe, sie nach bestimmten Funktionen für die Geschichte und deine Heldin zu gestalten. In Schreibratgebern ist oft die Rede von verschiedenen Archetypen oder Rollen. Manchmal heißen sie in den Arbeitsnotizen dann auch so: Mentor, beste Freundin, Sidekick.

Es ist seeehr verständlich, so zu arbeiten. Ganz ehrlich, ich mache das teilweise auch. Aber leider ist das auch eine echt fiese Falle. Denn wenn wir Nebenfiguren auf ihre Funktion beschränken, dann werden sie oft sehr langweilig und vorhersehbar.

Ein schweigsamer, alter Schwertkämpfer, der deine Heldin mit knappen Weisheiten versorgt und lehrt, das Familienschwert zu führen? Klar, das muss ein Mentor sein. Was er sagt, wird nochmal wichtig. Ein vernarbter Schläger in Diensten des Schurken, der deiner Heldin seine Waffensammlung präsentiert? Eindeutig ein Handlanger, den es vor dem Oberschurken zu besiegen gilt. Eine dauerhaft gut gelaunte Bardin mit bunten Haaren, die über ihre eigenen Füße stolpert? Zweifellos ist sie ein Sidekick und wird mit deiner Heldin durch dick und dünn gehen. Und so weiter …
Du wirst mir zustimmen, es ist langweilig, wenn sich bereits auf Seite 10 erkennen lässt, dass der schmierige Berater des Königs ein Verräter ist und die Mutter des Helden sterben wird.

 

Darum sollten die Nebenfiguren nicht auf ihre Funktion in der Geschichte beschränkt bleiben. Damit will ich nicht sagen, dass du aus jeder Nebenfigur eine zusätzliche Hauptfigur machen sollst. Das führt nur von der eigentlichen Geschichte weg, die du eigentlich erzählen willst. Aber gib ihnen Eigenheiten mit, eine Persönlichkeit mit Hintergrund und Zielen. Vielleicht macht der alte Schwertkämpfer gerne Witze und der fiese Schläger hat drei verwöhnte Katzen?

Mehr Liebe für Nebenfiguren

Du siehst, mit Nebenfiguren lässt sich ziemlich viel machen. Damit sie jedoch rund werden, brauchen sie mehr als nur eine Funktion. Also gib ihnen einen eigenen Charakter, Eigenheiten und Pläne. Nebenfiguren wissen nicht, dass sie eine Nebenfigur sind. In ihrer eigenen Vorstellung sind sie (meistens) die wichtigsten Personen ihres Lebens. Schon deshalb verdienen sie eine Persönlichkeit.

Außerdem macht es die Geschichte besser, wenn wir beim Lesen nicht nur mit den Hauptfiguren mitfiebern. Die 87. Version einer rein auf die Funktion beschränkten Standard-Nebenfigur bleibt nicht im Gedächtnis.

Bei einer Nebenfigur mit eigenen Zielen, Wünschen und Charakter sieht das schon ganz anders aus. Dann kann auch mal eine Träne fließen, wenn sich der Feuertänzer für seinen Schüler oder der schweigsame Leibwächter mit einer Liebe für Currys für deine Heldin opfert.

Darum nimm dir Zeit, die wichtigsten Nebenfiguren richtig auszugestalten. Gib ihnen beim Schreiben Liebe – sie haben es verdient!

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